Was ist anhaltende Trauer?

Nicht selten stellen mir KlientInnen, die einen nahe stehenden Menschen verloren haben die Frage, ob es normal ist, auch nach Monaten oder Jahren noch starke und intensive Trauersymptome zu erleben. 

 

Trauer ist per se keine psychische Erkrankung. Bisher gab es dafür auch keine Diagnose. Die so genannte anhaltende Trauerstörung ist eine neue Diagnose in der ICD11, dem internationalen Klassifizierungssystem für Erkrankungen.

 

Als Kriterien für die Diagnose nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen werden unter anderem genannt:

 

- Sehnsucht nach oder anhaltende Beschäftigung mit der

  verstorbenen Person

- intensiver emotionaler Schmerz (z. B. Traurigkeit, Schuldgefühle, Wut,

  Verleugnung, Schuldzuweisung; Schwierigkeiten, den Tod zu akzeptieren;

  Unfähigkeit, eine positive Stimmung zu erleben)

- Trauerreaktion hält über einen atypisch langen Zeitraum nach dem Verlust an

   (mind. 6 Monate) und übersteigt eindeutig die erwarteten sozialen, kulturellen

   oder religiösen Normen

- es gibt eine erhebliche Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen,

  schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen

 

Das Problem dabei ist, dass es durchaus normal ist, auch länger als 6 Monate zu trauern. Außerdem ist es schwierig zu beurteilen, was kulturell oder religiös „normal“ ist. Zudem treten die genannten emotionalen Kriterien bei nahezu jeder Trauer in der ein oder anderen Form auf.

 

Warum macht es also Sinn, eine solche Diagnose zu stellen? 

 

Gut an der neuen Möglichkeit einer Diagnose bei Trauer ist, dass man Betroffene frühzeitig mit speziellen Hilfsangeboten unterstützen kann. Es gibt zudem Risikogruppen, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer anhaltenden Trauer erhöht ist. Dazu zählen etwa mehrfache Verluste, unnatürliche oder gewaltsame Todesumstände (wie z.B. Suizide), ein höheres Lebensalter, mangelnde oder fehlende Unterstützung im sozialen Umfeld, ein vorangegangenes Trauma oder eine problematische Beziehung zur verstorbenen Person zu Lebzeiten. Eine Analyse mehrerer Studien aus dem Jahr 2017 benennt das durchschnittliche Vorkommen einer anhaltenden Trauerstörung in der Bevölkerung mit 9,8 % (Lundorff et al.).

 

Eine Diagnose bedeutet außerdem eine Anerkennung durch das Gesundheitssystem (z.B. Arbeitsunfähigkeitstage oder die Möglichkeit einer Psychotherapie). Für die Diagnosestellung gibt es wissenschaftliche Testverfahren. Trauertherapien haben sich bei anhaltender Trauer in Untersuchungen als wirksam erwiesen. Auch deshalb macht es Sinn zu wissen, ob eine anhaltende Trauerstörung vorliegt, um eine geeignete Therapieform zu wählen.

 

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und zertifizierte Trauerbegleiterin unterstütze ich Sie empathisch, professionell und wertschätzend bei anhaltender Trauer. Mehr dazu: www.psychotherapie-utz.de